Öffentliche Präsentation der Europa-Farm

BADISCHE ZEITUNG 03. Dezember 2011 (Artikel unter: www.badische-zeitung.de)
Die Macher der Europa-Farm sind in einer Bürgerversammlung mit Fragen konfrontiert worden. Vor 200 Zuhörern ging es hauptsächlich um die Auswirkungen auf das Dorf, vor dessen Haustür das 36-Millionen-Projekt gebaut werden soll.
Weder Goldgräberstimmung noch globbale Ablehnung herrscht in der Mehrzweckhalle. Die Gefühlslage der Bürger liegt irgendwo zwischen Zweifel, Neugierde und Ungläubigkeit angesichts des landwirtschaftlichen Großprojekts, das fünf Eckpfeiler hat und im kommenden Jahr begonnen werden soll: Tierhaltung, gläserne Produktion, Bauernmarkt mit regionalen Produkten, Gastronomie und Brauchtum und Kultur.
Dass Infobedarf herrscht, zeigt sich an der Aufmerksamkeit der Zuhörer. In zweieinhalb Stunden verlässt niemand die Halle, in der sich die Mannschaft der Europa-Farm versammelt hat: Vorstandschef Horst Siewert, Projektleiter und ehemaliger Landrat Klaus Brodbeck, Architekten (darunter Büro Schlager aus Nonnenweier), Anwalt Alexander Simon, Joachim Busam ("Sonne" Zell-Weierbach, zuständig für die Gastronomie auf der Farm) und Eugen Göppert von der Erzeugergemeinschaft Echt Schwarzwald. Auch Heinz Neumann ist da, der sich als Manager im Luckenloch ein Büro eingerichtet hat. Er tritt als Sympathieträger auf, erzählt von der Fasent, vom guten Essen in hiesigen Breiten und dass man die 5,9 Millionen Einwohner aus Baden, Elsass, Nordschweiz und der Südpfalz erreichen wolle auf einer Verkaufsfläche von 1270 Quadratmetern. Am Anfang war die Rede von 2300 Quadratmetern, dann wurde auf 875 runterkorrigiert, weil man sich angeblich verrechnet hatte. Dass man mit der aktuellen Zahl über der Genehmigungsgrenze von 800 Quadratmetern liegt, wollen die Verantwortlichen mit der Atypik des Projekts ausgleichen.
Als Neumann die Präsentation auf der Leinwand startet, ertönt ein Wiehern, ein Muhen, Blasmusik und Kikeriki – die Erkennungsmelodie der Europa-Farm könne sich jeder Kürzeller kostenlos auf sein Handy laden, verspricht Neumann. Nach der Präsentation kommen Fragen, die widerspiegeln, dass man sich vor zunehmendem Verkehr fürchte. Ein Bürger beschwerte sich darüber, dass alles nur heiße Luft sei, solange man nicht wisse, wer die Investoren der Besitzergesellschaft sei. Hier eine Auswahl an Fragen und Antworten. Wie hoch wird die Verkehrsbelastung für Kürzell? Klaus Brodbeck: Will man Wirtschaftskraft, müsse man mehr Verkehr tolerieren. Der Verkehr werde ausschließlich über die Zufahrt von der B 36 geregelt. Ortsvorsteher Klaus Heimburger äußert die Hoffnung, dass aus dem Ahornweg (Panzerstraße) bei mehr Verkehr eine Umgehungsstraße mit Anschluss an die B 36 werden könnte. Der nördliche Verkehr über Schuttern/Schutterzell könnte hier fahren. Ist die Finanzierung gesichert? Vorstandsvorsitzender und Hausbauunternehmer Horst Siewert (66) sichert es zu. Er habe 40 Jahre Erfahrung und entsprechende Kontakte. Ist nachgewiesen, dass die Farm Gewinne abwirft, dann "werden wir Leute an der Seite haben, die gern mitmachen." Es soll sich um ausschließlich inländische Investoren handeln. Der Rest ist noch geheim. Schritt eins sei nun, das Projekt von den Behörden genehmigt zu bekommen, Schritt zwei sei der Nachweis. Wie wird Geld verdient, die Landwirtschaft ist ein Zuschussbetrieb, die Gastronomie arbeitet allenfalls null auf null. Das sei die zentrale Frage, sagte Heinz Neumann. Das könne erst geklärt werden, wenn die Verträge mit allen Teilnehmern gemacht werden können. Und das ist, wenn die Farm genehmigt ist. Geschätzter Zeitpunkt: Frühjahr 2012. Ist die Farm krisensicher? Horst Siewert: In der Krise werde gespart, aber auch nach Ablenkung gesucht. Seitens der Investoren sei die Farm eine langfristige, sichere Kapitalanlage. Bleiben die Macher der Europa-Farm die Ansprechpartner vor Ort? Horst Siewert: "Sie werden sich die nächsten Jahre mit uns auseinandersetzen müssen. Ich bleibe Geschäftsführer der Betreibergesellschaft – auch wenn sich in der späteren Besitzergesellschaft die Verhältnisse ändern. Vorschläge der Kürzeller sind gut, aber die Richtlinienkompetenzen bleiben bei uns. Wir wollen kein zweites Stuttgart 21, sonst wäre der Spatenstich erst in 15 Jahren."
LAHRER ZEITUNG 28. November 2011
Das Vorhaben Europa-Farm in Kürzell nimmt konkrete Gestalt an. Seit der ersten öffentlichen Vorstellung des Projektes im März des vergangenen Jahres wurde vieles erwogen und dann doch wieder verworfen. Jetzt steht allerdings fest, dass der Meißenheimer Gemeinderat am Montag, 12. Dezember, über die Offenlage des Bebauungsplanes entscheiden wird. Die Genehmigungsreife ist für die Antragssteller ein markantes Datum, nicht zuletzt, weil es Kapitalgebern die Entscheidung zum Einstieg erleichtert.
Eigentlich hatte der ehemalige Ortenauer Landrat Klaus Brodbeck - bei der Europa-Farm GmbH zuständig für die Öffentlichleitsarbeit - schon im Mai 2010 verkündet, dass der Masterplan und damit die Konzeption fast fertig sei. Bis es dann aber tatsächlich so weit war, sind weitere anderthalb Jahre ins Land gegangen. Der Masterplan wurde erst im September 2011 fertig. "Das dauerte mir viel zu lange", sagte der ehemalige Behördenleiter.
Seither wurde der vorgesehene Flächenanspruch für das Projekt von 22 Hektar auf 17 Hektar zurückgenommen. Die voraussichtlichen Kosten allerdings stiegen in die Höhe, von anfangs 25 Millionen Euro auf aktuell 36 Millionen. Zur Begründung wird auf die zentrale Bedeutung von Hotellerie und Gastronomie verwiesen, deren Bauinvestitionen die Betreiber selbst übernehmen werden, weil sie damit auch den Einfluss darüber behalten wollen. Schließlich gehe es um die bestmögliche Verwertung und Zubereitung von heimischen Erzeugnissen.
Nach dem jetzigen Stand sei keine formelle Kooperation mit dem Europa-Park vorgesehen. Nach den Ergebnissen eines gerade erst fertiggestellten GMA-Gutachtens kann eine durchschnittliche Anzahl von 2440 Besuchern am Tag als realistisch gelten. Auf das Jahr gerechnet, wären das 890 000 Personen. Mit jährlich 873 000 Gastronomiebenutzern wird eine fast identische Zahl angenommen. Tatsächlich aber seien es verschiedene Größen, weil es auch Kultur- und Folkloreveranstaltungen geben wird, die dann an den Abenden angeboten werden.
Geschäftsführer der Trägergesellschaft Europa-Farm ist Horst Siewert, gleichzeitig Gründer der Siewert Projektentwicklungs GmbH Reutlingen, die gerade bei Halle eine Siedlung mit 100 Häusern errichtet. Sein Mitarbeiter Heinz Neumann hatte im März 2010 noch erklärt, dass Siewert in den Ruhestand getreten sei. Für die Landwirte in Kürzell sei das insgesamt ein Grund mehr für ihr zwiespältiges Verhältnis zu dem Großprojekt Europa-Farm, sagt einer von ihnen: Einerseits wären sie durchaus einverstanden mit einem Werbeträger für ihren Berufsstand. Andererseits wird von Initiatoren, die kaum sichtbar sind, viel knappes Land in Anspruch genommen.
Obendrein wollen die Direktvermarktungsmöglichkeiten in dem neuen Touristenmagnet nicht sonderlich gut zu den realen Betriebsverhältnissen der Bauern in Kürzell passen. Bei der Mehrzahl von ihnen sind deshalb die Erwartungen gedämpft. Möglicherweise wird sich das ab Donnerstag, 1. Dezember, ändern. Dann wird das Vorhaben ab 19 Uhr in einer öffentlichen Präsentation in der Mehrzweckhalle Kürzell vorgestellt.
BADISCHE ZEITUNG 24. November 2011 (Artikel unter: www.badische-zeitung.de)
Ein neues Gutachten untermauert, dass die geschätzten Besucherzahlen von täglich rund 2500 auf der Europa-Farm realistisch sind – deren Macher sind erwartungsgemäß erleichtert, dass das Projekt eine Chance am Markt haben könnte. Könnte. Denn noch ist nicht geklärt, ob sich damit Geld verdienen lässt. Erst wenn der Plan fix ist und ausgeschrieben wird, kann die Wirtschaftlichkeit berechnet werden.
Besucherzahlen: Eine Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung aus Ludwigsburg hat ein Gutachten vorgelegt: Für den Bauernmarkt könne die Europa-Farm mit 880 000, die Gastronomie mit 873 000 rechnen. Bei den Übernachtungen erwarte man eine Auslastung von etwa 70 Prozent – das entspräche 92 000 im Jahr. Nicht alle Gäste nutzen alle Angebote, umgerechnet auf den Tag seien es aber 2240 Besucher am Tag, erläuterte Manager Heinz Neumann die Ergebnisse, die ihn freuen – schließlich hatte die GmbH mit 2500 Besuchern täglich kalkuliert.
Die Finanzierung: Die Vereinbarung war für die Gemeinde elementar: Die Europa-Farm GmbH kauft das Gelände und baut auf eigene Kosten. Geldgeber für die bisherigen Geschäfte bis zur Planungsreife ist Vorstandsvorsitzender Horst Siewert. Der Hausbau-Unternehmer ist auf eine Kürzeller Adresse im Luckenloch angemeldet. Ortsvorsteher Klaus Heimburger findet den Investor "total seriös". In nichtöffentlicher Sitzung wurde er den Gemeinderäten vorgestellt. Mehr zu Siewerts Firma, die 1982 in Reutlingen gegründet wurde, unter http://www.siewert-hausbau.de Wird die Europa-Farm von den Behörden als genehmigungsfähig und von der GmbH als wirtschaftlich eingestuft, so Manager Heinz Neumann, werde eine Aktiengesellschaft gegründet. In diesem Fall stehen die Investoren Schlange.
Was kommt jetzt? Die Pläne für das Projekt auf 17 000 Quadratmetern Fläche sind so weit, dass sie als Vorschlag an den Gemeinderat gehen können. Am 12. Dezember soll das Gremium entscheiden, ob der Bebauungsplan in die Offenlage geht oder nicht. Wenn ja, prüfen die Behörden anhand des Plans sämtliche Fragen des Verkehrs, der Größe der Verkaufsfläche, der Tieremissionen, der Hygiene oder auch der Abwasserentsorgung. Manager Heinz Neumann ist optimistisch: "Ich glaube, dass alles, was von uns verlangt wird, erfüllt wird."
Die Idee: Die Säulen sind Direktvermarktung, Gläserne Produktion, Gastronomie, Hotellerie und Unterhaltung. Die Farm demonstriert heutige Landwirtschaft mit Hilfe von Betrieben, die auf der Farm wirtschaften und vorführen. Dazu zählen die Kürzeller Bäckerei Heitzmann, die Bioprodukte backen will, der Altenheimer Geflügelhof Adam, die Erzeugergemeinschaft Echt Schwarzwald oder der Fahrstall Lohrer. Landwirte können auch nur als Marktbeschicker einen Stand mieten. Einzugsgebiet ist Baden, die Südpfalz, das Elsass und die Nordschweiz.
Kreisverkehrher: Das Regierungspräsidium Freiburg empfiehlt, einen neuen Kreisverkehr (siehe Grafik) und die Zufahrt an der Linde zurückzubauen. Die Planer seien der Empfehlung gefolgt, sagt Manager Heinz Neumann. Ein Kreisverkehr um den Baum herum sei wegen des Flächenverbrauchs nicht durchsetzbar, erläutert Bürgermeister Alexander Schröder. Der Weg entlang der Farm in Richtung Älterstraße bleibt an die Kreisstraße angebunden, auch Wirtschaftswege entlang der B 36 bleiben erhalten.
Im "Dorf" findet die gläserne Produktion statt, hier kreuchen und fleuchen Tiere, darunter 15 Milchkühe, zehn Mutterkühe, ein Deckbulle, zwölf Pferde, zehn Mutterschweine, ein Eber, Ferkel, 300 Legehennen, 100 Puten, Schafe, Ziegen. Ein Streichelzoo soll das Bedürfnis nach Fellkontakt befriedigen. Die Tiere sind nämlich hinter einer Glaswand – aus hygienischen und tierschutzrechtlichen Gründen. Auf sechs Hektar wird Ackerbau gezeigt, auf einem Hektar Sonderkulturen wie Spargel und Erdbeeren. Die Schaubetriebe, das sei der Europa-Farm GmbH klar, können und müssen in dieser Größe nicht wirtschaftlich arbeiten. Sie verdienen unter anderem am Verkauf ihrer Produkte.
Landwirte: Manager Neumann spricht von einer hohen Akzeptanz, vor allem bei jungen Landwirten, die für ihre Betriebe nach Perspektiven suchen.
Die Kürzeller: "Keinen Stress mit den Nachbarn" – diese Losung betont Neumann stets. Bei der Bürgerversammlung am 1. Dezember wird sich zeigen, wie sie dem Projekt gesonnen sind.
